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Alter schützt vor Arbeit nicht

Auch als 93-Jähriger arbeitet Ernst Cramer tagtäglich an seiner alten Triumph-Schreibmaschine. Der feingliedrige Senior beherrscht das Achtfingersystem. Die Daumen braucht er nicht zum Tippen. Gelernt hat er es bei der amerikanischen Armee. Cramer leitet die Axel-Springer-Stiftung und schreibt Artikel für alle wichtigen Blätter des Verlagshauses. „Wenn Sie nächstes Jahr wieder kommen, werden Sie hier, so Gott will, einen Computer sehen. Ich habe beschlossen, umzusteigen“, so der vitale Mann in Anzug und leicht gelockerter Krawatte. Sein Jackett hängt im Schrank, „das behindert nur.“ Skifahren war er übrigens das letzte Mal erst vor fünf Jahren. „Jetzt machen die Beine leider nicht mehr so mit“ sagt er mit rauer Stimme und kontrollierter Gestik und freut sich, im Sommer wieder die Berge im schönen Bayern zu sehen.

„Der Fisch stinkt vom Kopf und auch das Gute kommt von oben“

Warum er arbeitet und woher er die Motivation nimmt? „Es macht Spaß und ist wie eine Therapie. Allerdings billiger als zum Arzt zu gehen.“ Sein Büro im 18. Stock des Berliner Axel-Springer-Hauses ist dem von Friede Springer am nächsten. „Mit seiner unaufgeregten und bewundernswert gelassenen Art erträgt er es, wenn ich manchmal mehrmals am Tag in sein Büro stürme“, schreibt die Verlegerwitwe zu Cramers 90. Geburtstag in einer Sonderbeilage der Tageszeitung „Die Welt“. Er ist in all den Jahren einflussreicher Berater geblieben. Nicht umsonst nennt man ihn in der Presse hin und wieder den Außenminister, das Gewissen oder die graue Eminenz des Konzerns. Diese Titel lassen Cramer schmunzeln: „Die stimmen so natürlich nicht.“ Ja, er trat unablässig für die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes ein. Ja, er hat sich mit großer Beharrlichkeit für die Förderung und Vertiefung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel eingesetzt. Das Verhältnis von Deutschland zu Amerika liegt ihm besonders am Herzen. Aber „der Fisch stinkt vom Kopf und auch das Gute kommt von oben“, sagt er und meint damit, dass er sich nicht in diesem Maße hätte einsetzen können, wenn nicht die Unternehmenskultur des Konzerns in dieselbe Richtung gegangen wäre.

Ernst Cramer erblickte 1913 das Licht der wilhelminischen Welt. Sein Vater Martin war Kunst liebender jüdischer Kaufmann. Er gründete mit Bert Brecht die „Literarische Gesellschaft“ und führte zusammen mit seiner Frau Clara einen Tabakladen in Augsburg. Das kleine Geschäft konnte die Wirtschaftskrise von 1929 nicht überstehen. Der aus der Pfalz stammende Vater wurde Agent einer Wirtschaftsdetektei, die schwäbische Mutter nahm jede nur mögliche Arbeit an. In der Wohnung der Cramers waren Zimmer an Untermieter, Schlafgänger und auswärtige Schüler vermietet. Die Eltern schliefen auf zwei Sofas.

„Ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben“

„Es war unmöglich, das Schulgeld weiter für mich aufzubringen; schließlich waren noch zwei weitere jüngere Geschwister da: Erwin und Helene.“ Den Traum, Lehrer zu werden, musste der junge Ernst Cramer damals aufgeben. Die Geldnot zwang ihn, die Schule vor dem Abitur zu verlassen. 1930 trat Cramer als Lehrling im Kaufhaus „Brüder Landauer“ ein. Vier Jahre später, inzwischen hatte Hitler die Macht ergriffen, wechselte er zum Kaufhaus Schocken. Dort wollte man ihm bald eine Auswanderung nach Südafrika vermitteln. „Sogar eine Anstellungsgarantie in einem Johannisburger Geschäft wurde angeboten. Aber ich lehnte ab. Ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich die Dinge für Juden in Deutschland in absehbarer Zeit wieder zum Besseren wenden würden.“

„Warum ich?“

Dann jedoch brach die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 an, die so genannte Reichskristallnacht, in deren Folge Ernst Cramer, der als Praktikant auf dem Landwirtschaftlichen Lehrgut für Auswanderer in Groß-Breesen in Schlesien seiner Emigration harrte, von den Nazis festgenommen und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde. Im letzten Monat vor Kriegsbeginn durfte er auswandern. Er war einer der letzten, die Deutschland noch verlassen konnten. Man ließ ihn gehen, weil er nachweisen konnte, seine Auswanderung vorbereitet zu haben. Ernst Cramer emigrierte über Holland und England nach Amerika. Seine Eltern und sein Bruder blieben zurück. Ihre Spur verliert sich nach ihrer Deportation 1942 in Richtung Vernichtungslager. Helene, seine Schwester, konnte Deutschland verlassen.

Cramer fragt sich noch heute: „Warum ich? Warum nicht mein Bruder? Warum habe ich nicht mehr getan, die Familie nachzuholen? Sie hatten schon Nummern für ihre Ausreiseanträge, aber sie waren zu hoch. Es war zu spät.“

In Amerika lebte Ernst Cramer zunächst als Landarbeiter auf einer Farm für Flüchtlinge. Ab 1941 durfte er auf einer Freistelle Agronomie am Mississippi State College studieren. Im gleichen Jahr erklärte Deutschland den USA den Krieg.

„Ich musste Kühe melken, die vor Schmerz brüllten“

Ernst Cramer meldete sich zum Militär. „Ich wollte mitwirken, den Ungeist aus meinem Heimatland zu vertreiben.“ Drei Tage nach D-Day, der alliierten Landung in der Normandie, stand er wieder auf europäischem Boden. Seine ersten Aufgaben: „Ich musste Kühe melken, die vor Schmerz brüllten, weil sie wegen der Kampfhandlungen zu lange nicht gemolken wurden, und gefangene deutsche Soldaten befragen.“ Als er einen Gefangenen der Waffen-SS verhörte, fragte ihn dieser erstaunt: „Wieso reden Sie so vernünftig mit mir?“ Cramers Antwort: „Ich bin anders erzogen worden als Sie“.

Den Tag des Kriegsendes erlebte Ernst Cramer in seiner Geburtsstadt Augsburg. Dort erfährt er, dass seine Familie in ein Vernichtungslager deportiert wurde. Aber anstatt an Rache zu denken, widmete er sich der Versöhnung. Ernst Cramer steht für den Traum eines deutsch-jüdischen Zusammenwirkens, „ist und bleibt ein Vorkämpfer des deutsch-jüdischen Dialogs und der Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen“ hat Alt-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl über ihn geschrieben.

„Obwohl die Versuchung groß war, bald nach dem Krieg nach Amerika zurückzukehren und das Studium zu beenden, entschied ich anders“, erzählt Cramer. Er trat damals als leitender Redakteur in die „Neue Zeitung“ ein, ein deutschsprachiges Blatt, das in München von der amerikanischen Militärregierung in ihrer Besatzungszone herausgegeben wurde. Später half er der United Press, ihr Unternehmen wieder in Deutschland zu verankern.

Ernst Cramer ist kein Yes-Man

Von dort holte ihn Axel Springer in sein Verlagsimperium: Auf Anregung von Hans-Eberhard Friedrich, Schriftsteller und gemeinsamer Freund, traf Ernst Cramer den damals 45-jährigen Axel Springer in seinem Hamburger Privathaus. Er war gerade von seiner ersten Amerika-Reise zurückgekommen. „Ganz offensichtlich hatte er dabei die falschen Leute getroffen. Von den angeblich dort herrschenden Zuständen zeigte er sich entsetzt, sprach von der Notwendigkeit, gefährliche amerikanische Einflüsse einzudämmen. Ich widersprach, höflich zwar, aber bestimmt. Wir wurden beide etwas laut. Als wir uns trennten, meinte ich, es würde kein Wiedersehen geben.“

Am nächsten Tag jedoch kam es zu einem erneuten Treffen. Da bot ihm der Verleger den Eintritt in die Chefredaktion der Tageszeitung „Die Welt“ an. Cramer antwortete, deswegen würde er aber seine Überzeugung von der Notwendigkeit transatlantischen Zusammenwirkens nicht aufgeben. „Das weiß ich“, sagte Axel Springer, „Ich habe genügend Yes-Men in meinem Verlag. Aber ich suche Leute mit einer Meinung, die auch zu ihr stehen.“ Schon damals war Ernst Cramer ein klarer Analytiker; logisch argumentierend und selten emotional (zumindest in der Öffentlichkeit).

Persönliche Widmung

Im Springer-Konzern machte er eine steile Karriere. Im Juli 1958 begann er als stellvertretender Chefredakteur der Welt, von 1964 bis 1966 war er dort Vorsitzender der geschäftsführenden Redaktion, von 1969 bis 1971 Leiter des Verlegerbüros, bald darauf Mitglied des Vorstands der Axel-Springer Stiftung, deren Vorsitz er 1981 übernahm. Daneben war er Persönlicher Beauftragter von Axel Springer für „Die Welt“, gleichzeitig Herausgeber des Blattes, später (1981-1995) Herausgeber der „Welt am Sonntag“, Geschäftsführer des Ullstein-Verlages und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Axel Springer AG. Kurzum: Ernst Cramer war der engste Mitarbeiter, Vertraute und Ratgeber des Verlagsgründers. Die tiefe Verbundenheit zu Axel Springer merkt man ihm auch heute noch an, wenn er von ihm spricht, oder wenn man weiß, was Ernst Cramer am Handgelenk trägt: Eine „Genève“-Armbanduhr vom Luxusuhren-Hersteller Audemars Piguet mit persönlicher Widmung von Axel Springer; ein Geburtstagsgeschenk zum Fünfzigsten. An seinem Engagement und seiner Tatkraft hat sich bis heute nichts geändert: Die deutsch-jüdische Versöhnung, das gute Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika und das mutige Eintreten für das Existenzrecht Israels liegen Ernst Cramer heute wie damals sehr am Herzen. Und dass er dafür eintritt, sieht man jeden Tag: Sei es, wenn man ihn in seinem Büro besucht, seine Artikel liest, oder seinen Reden lauscht.

Ansichten

Augsburg: „Während Augsburg immer meine Geburtsstadt war, habe ich die Fuggerstadt jahrelang nicht mehr als Heimatstadt angesehen. Das ist sie erst im Laufe der Zeit wieder geworden“, erzählt Professor Ernst Cramer, nicht ohne gleich hinzuzufügen, „dass es Quatsch wäre, zu behaupten, dass die Ernennung zum Ehrenbürger etwas damit zu tun gehabt hätte“.

Lieblingsplatz in Augsburg: Der Königsplatz, dort spielte ich früher und sammelte Kastanien.

Lieblingsbuch: Ich habe kein Lieblingsbuch. Ich lese sehr viel. Eine Tendenz vielleicht: Ich lese lieber klassische Literatur als moderne.

Die längste Schlange, in der Sie standen: Als ich mich an einem kleinen Hafen in der Nähe von Southhampton anstellte, um auf das Transportboot zu kommen, das im Sommer 1944 von England nach Frankreich fuhr.

Satz an Angela Merkel: „Ich wünsche Ihnen Glück!“

Ihr Größter Faux-Pas? Als ich als Journalist 1962 das Ausmaß der Sturmflut in Hamburg erst einige Stunden zu spät erkannte.

Was fällt Ihnen zum Namen Cramer ein? Die Geschichte des Familiennamens. Napoleon I. verfügte, dass Juden in eroberten Ländern Nachnamen bekommen sollten. Da meinem Ur-Ur-Urgroßvater kein Nachname einfiel, ging er zum damaligen Bürgermeister, der ihm riet: „Nimm doch meinen“. Er hieß Cramère.

Beschreiben Sie sich anhand von drei Adjektiven: Alt, neugierig, gerne faul.

Was bringt Sie zum Lachen? Die Dummheit anderer Menschen.

 

 

Person

Prof. Dr. hc. Ernst J. Cramer
Verheiratet mit Marianne Cramer (geb. Untermayer)
2 Kinder: Claire-Barbara (lebt in Norwegen) und Martin Tom (lebt in USA)
Auszeichnungen: Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband; Bronze Star Medal der USA; Croix de Guerre, Frankreich; Bayerischer Verdienstorden; Ehrenprofessorwürde der Stadt Berlin; Ehrendoktorat der israelischen Bar-Ilan Universität; Ehrenbürger der Stadt Augsburg; Ehrenbürger der Augsburger Universität; Leo-Baeck-Medaille (New York); Jerusalem-Medaille; Heinz-Galinski-Preis.

 

 

Axel Springer AG

Axel-Springer-Straße 65
10888 Berlin

Mitarbeiter weltweit (2005): 10.166
Umsatzerlöse in Mio. Euro (2005): 2.391,5
Jahresüberschuss in Mio. Euro (2005): 230,7

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